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Mittwoch, 22. August 2012

„Informelles Wissen“: Wir können mehr – Der ProfilPASS als modernes Instrument der Studienwahl

Ein Gastbeitrag von Till Kammerer

Was Kompetenzen sind, was wir also „können“, ist doch klar, oder? Seit der Schulzeit schließlich sind Leistungsbeurteilungen die treuesten Begleiter der Leistungsgesellschaft: erst in Form einer Skala von „sehr gut“ bis „ungenügend“, später dann ausgedrückt in Arbeitszeugnissen und Fortbildungszertifikaten. Wir haben aber mehr „drauf“, als uns Arbeitgeber und Bildungseinrichtungen mit Unterschrift und Stempel attestieren. Ein großer Teil unseres persönlichen

„Kompetenz-Eisberges“ liegt, wie bei den echten gefrorenen Kolossen, verborgen unter der Wasseroberfläche.

„Informelles Lernen“ heißt der Schlüsselbegriff, der den Rest des Eisberges zugänglich macht. Informelles Lernen führt zu informellem Wissen. Damit sind Kompetenzen gemeint, die alle von uns außerhalb traditioneller Einrichtungen der Wissensvermittlung wie Schule, Betrieb oder Bildungsakademie erwerben: Informelle Lernorte sind zum Beispiel das Elternhaus, ein Verein, der Freundeskreis oder das ehrenamtliche Engagement im Nachbarschaftstreff. Auch beim Ausüben unserer Hobbys lernen wir informell. Das funktioniert unabhängig davon, um welches Thema es geht, ob wir uns in der Freizeit also mit Sport, Gesundheit, Reki-Massage, dem Anlegen von Frühbeeten oder gesunder Ernährung beschäftigen. Selbst im Berufsleben erwerben wir Kompetenzen, die uns oft gar nicht bewusst sind, weil sie über unseren aktuellen Arbeitsplatz hinausweisen, es also um Skills geht, die wir auch in anderen Berufen gut verwenden können – ein solches Beispiel aus meiner Beratungspraxis wird im weiteren Verlauf noch ausgeführt.

Der ProfilPASS-Coach zieht den „Kompetenz-Eisberg“ zusammen mit dem Coachee „an Land“, um verborgene Skills sichtbar zu machen. Dazu ermuntert er den Beratungskunden zunächst, einige Geschichten aus seinem Leben zu erzählen. Kommen Sie mit auf eine kleine Reise zu dem, was Sie wirklich alles können?

ProfilPASS, erster Schritt: Geschichten aus meinem Leben

Ein Beispiel aus meiner Coachingpraxis, bei dem der ProfilPASS als Instrument der Studienwahl genutzt wurde (man kann ihn, im Rahmen der Berufsorientierung, auch für eine Ausbildungsentscheidung nutzen): Ein Coachee von mir war ziemlich direkt nach seiner Erstausbildung ins Berufsleben gestartet. Er hatte lange Zeit als Projektleiter auf Solarmodul-Baustellen gearbeitet: Diese Erfahrung führte er im Rahmen einer seiner ProfilPASS-Geschichten ausführlich aus. Zu seinen typischen Tätigkeiten „auf dem Bau“ zählte:

  • Organisieren: Personal auf der Solar-Montage-Baustelle disponieren; Verpflegung für Arbeiter organisieren; fehlendes Material besorgen;
  • Verwalten: sich um Versicherungsunterlagen, Steueranmeldungen, Gewerbescheine der am Bau Beteiligten kümmern (Unterlagen auf Vollständigkeit prüfen, Abmachungen in die Schriftform bringen, für den Fall, dass der Zoll die Baustelle kontrolliert, usw.);
  • Kommunizieren: Mit allen Beteiligten kommunizieren, „Papa für alles sein“, im Sinne einer kommunikativen Schnittstelle;
  • Personal auswählen: Der Coachee hatte das Team für die Baustelle zusammengestellt, dabei ein besonderes Augenmerk darauf gelegt, wer ins Team passt, in seinen Worten: „Auf einer Baustelle ist man auf dieselben Quadratmeter fixiert und das oft weit weg von zu Hause. Das erfordert ein harmonisches Miteinander. Wir waren damals effektiver als Fremdfirmen, weil die Chemie bei uns stimmte.“

Geschichten wie diese stehen am Anfang des ProfilPASS-Prozesses. Für die folgenden Schritte ist es hilfreich, wenn es im Rahmen der dargestellten persönlichen Erlebnisse um eine bestimmte Herausforderung geht, vor der der Ratsuchende einmal im Leben stand. Persönlich sollte er eine aktive Rolle bei der Lösung der Herausforderung gehabt haben.

ProfilPASS, zweiter und dritter Schritt: Beschreiben und auf den Punkt bringen

 Coach und Coachee arbeiten anschließend gemeinsam die Kompetenzen heraus, die sich aus den  Lebensgeschichten ableiten lassen. Nutzt man den ProfilPASS für die Studienwahl, geht es folglich um Kompetenzen, die Erfolg und Zufriedenheit in bestimmten Studienfächern wahrscheinlich machen.

Hierfür beschreibt man nun, was man als Handelnder seiner unter Schritt 1 dokumentierten, ausgewählten Lebens-Geschichte im Einzelnen getan hat.

Am Beispiel unseres Solarbaustellen-Projektverantwortlichen kann das so klingen: „Organisieren: Personal auf der Montage-Baustelle disponieren; Verpflegung für Arbeiter organisieren; fehlendes Material besorgen.“ Auf den Punkt gebracht: „Organisationsgeschick“ und „Personaldisposition“.

Dies allein ergibt schon qualifizierte Hinweise auf passende Quereinstiegsberufe (bspw. Personaldisponent in der Zeitarbeit) oder duale bzw. schulische Ausbildungen (etwa Personaldienstleistungskaufmann/-frau). Aber unser Beispiel-Coachee will ja studieren, also weiter im Text!

ProfilPASS, vierter Schritt: Bewerten

Im vorletzten Schritt namens „Bewerten“ beurteilt man, wie stark die jeweilige Fähigkeit ausgeprägt ist. Im Hinblick auf unser Beispiel bedeutet das: Kann wirklich von „Kompetenz fürs Personalwesen“ gesprochen werden oder haben wir es womöglich schlicht mit einem sozial geschickten (= kompetenten), kommunikativen Typen zu tun, dessen Herz ansonsten jedoch nicht nachhaltig für Themen wie Recruiting oder Personalentwicklung schlägt? Für diese Einschätzung sieht der ProfilPASS eine vierstufige Skala vor, die Coachee und Coach zusammen durchgehen. Beide ordnen die erarbeiteten Skills dem Schema zu:

Niveau A (= niedrigstes Niveau):

Ich kann es (= Tätigkeit X, beispielsweise: Personal disponieren) mit Hilfe einer anderen Person oder einer schriftlichen Anleitung tun.

Niveau B:

Ich kann es ohne Hilfe einer anderen Person oder einer schriftlichen Anleitung, das heißt selbstständig tun.

Niveau C1:

Ich kann es selbstständig auch in einem anderen Zusammenhang tun.

Niveau C2 (= höchstes Niveau):

Ich kann es selbstständig auch in einem anderen Zusammenhang tun und kann es anderen Menschen vormachen oder erklären.

Letzter Schritt: Teilmenge aus Interessen und gewichteten Kompetenzen bilden

Abschließend betrachtet man gemeinsam die am höchsten bewerteten Kompetenzen und gleicht sie mit den Interessen des Coachees ab, die diese/r getrennt davon gesammelt hat. Man bildet quasi eine Teilmenge aus Kompetenzen und Interessen, schaut, welche Gesichtspunkte dieser beiden Bereiche im Sinne möglicher Studienziele zusammenpassen.

Bei unserem Solar-Projektleiter sah dies folgendermaßen aus:

Mit „C2“ oder wenigstens „C1“ hatte dieser all jene Kompetenzen bewertet, die für eine Tätigkeit im Personalwesen (bzw. ein darauf ausgerichtetes Studium) sprechen. Als Interessen hatte er, unter anderem, „sozial sein/Leute treffen“, (wieder) „Personalorganisation“ und „Online-Recherchen“ genannt.

Als Vorschläge kamen daher Studiengänge wie „Personalmanagement, -dienstleistung (Bachelor)“, „Arbeitsmarktmanagement (Bachelor)“ oder „Beschäftigungsorientierte Beratung und Fallmanagement (Bachelor)“ in Frage: Letzterer ist ein Studiengang, der speziell für die Beschäftigung bei Arbeitsagenturen ausbildet. Natürlich erhält der Coachee zum Abschluss ergänzend Tipps, in welchen berufskundlichen Medien er sich vertiefend über diese Ergebnisse informieren kann: Schließlich sollen Interessen, Fähigkeiten und Eigenschaften größtmöglich zur avisierten Ausbildung passen.

Das Schöne am ProfilPASS als modernem Instrument der beruflichen Orientierung ist, dass sich aus beinahe jeder Tätigkeit – selbst freizeitbezogener Art – auch beruflich verwertbare Fähigkeiten herauslesen lassen. Ob ich, als handwerklich begabter Mensch, in meiner Nachbarschaft gelegentlich kleine Hausmeister-Dienste erledige oder mich ehrenamtlich um ältere Menschen kümmere: Alles kann auf ungehobene Kompetenz-Schätze verweisen – und somit auf neue berufliche Entwicklungsperspektiven.

Nähere Informationen über den ProfilPASS: http://www.profilpass-online.de/

Über den Gastautor:

Till Kammerer, Jahrgang 1974, ist Berufsberater mit den Schwerpunkten berufliche Umorientierung, Ausbildungswahl und Studienwahl in Berlin. Über Themen rund um Beruf und Bildung bloggt er unter https://checkpointberuf.wordpress.com/.

(Redaktion)

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