Lupe über Google-StartseiteGooglemania: Viele Studenten recherchieren über das Internetsuchportal Google. Foto: Alexander Klaus / PIXELIO
News | Studium
Donnerstag, 26. Mai 2011

Googlemania: Lernen im Zeitalter des Web 2.0

Unter dem Stichwort „wissenschaftliches Arbeiten“ werden zumeist gedankliche Bilder junger, dynamischer Menschen hervorgerufen, die emsig an ihrem Schreibtisch im stillen Kämmerlein sitzen und tief in die Lektüre ihrer Bücher vertieft sind. Diese Beschreibung hat heute längst ausgedient und erweist sich als Relief einer längst vergangenen Dichter- und Geniezeit eines jungen Goethes. Die neuen Stichworte hingegen lauten: Internet, PowerPoint und Google.

Ein Studium ohne Internet ist heute kaum noch denkbar. Nicht nur Formalitäten wie die Anmeldung an der Uni, das Einschreiben zu Seminaren oder der Austausch der Studenten geschieht übers Web, auch die Beschaffung von Lehrinhalten, die Recherche oder die Vorbereitung eines Referates erfolgen immer stärker über das elektronische Netzwerk. An und für sich ist das für viele Studis keine schlechte Sache. Es spart eine Menge Zeit und es ist komfortabler, wenn Studenten beispielsweise Skripte für die Seminare einfach übers Internet downloaden können.

Die Gefahr ist nur die Tendenz, die die Googlemania zu befördern scheint: Studenten generieren immer mehr die Copy-and-Paste Attitüde ohne sich dabei wirklich mit Themenstellungen auseinanderzusetzen – die Information ist ja da, irgendwo im großen Pool des Suchmaschinendienstes Google. Darüber hinaus kann das Medium Internet wohl kaum an Schnelligkeit im Beschaffen von Informationen übertroffen werden. Eines jedoch wird dabei vergessen: Die Studenten übernehmen unhinterfragt Informationen und Strukturen, die durch ein Softwareprogramm gefiltert werden. Hier gilt es dann zu entscheiden, ob es sich bei den angebotenen Inhalten um echte und nützliche Information, Entertainment, Werbung oder doch lediglich nur um Spam handelt.

Aber kann man den Studenten wirklich einen Vorwurf aus dieser Arbeitsmethode machen? Bei der Verkürzung des Studiums im Rahmen der neuen Abschlüsse Bachelor und Master sowie durch die Fokussierung der Sammlung von credit points kann echtes wissenschaftliches Interesse nur auf der Strecke bleiben. Die Studenten hetzen von einem zum anderen Kurs auf Grund ihres vollgepackten Stundenplans, überall sollen Leistungen erbracht und Wissen im Rekordtempo angeeignet werden. Zeit für die kritische Hinterfragung, eine tiefer gehende Auseinandersetzung auch mit komplexen Themen bleibt nicht. Und selbst, wenn doch einmal der Weg in die Bibliothek gesucht wird, fehlen bei der Vielzahl der Studenten, die im Rahmen desselben Kurses genau dieses eine Buch benötigen, oftmals die notwenigen Kapazitäten.

Absolventenklone – Wissen ohne individuelle Spezialisierung

Und wie sieht es auf der Seite der Lehrenden aus? Welcher Prof. kann sich den zahlreichen Studenten noch eingehend zuwenden? Auch hier herrscht ein Mangel an Zeit und eine Flut an Referaten, Hausarbeiten und Abschlussarbeiten, die alle korrigiert werden wollen. Professor Gerd Klöck, Professor für Bioverfahrenstechnik an der Hochschule Bremen, sieht in der derzeitigen Hochschulsituation ein echtes Dilemma, wie der Spiegel berichtet.

Eine individuelle Bildung einer Wissenschaftlerpersönlichkeit scheint darüber hinaus gar nicht im Interesse der Bildungspolitik zu liegen. Durch Bachelor und Co. werde vielmehr eine Industrialisierung des Lernens begünstigt. Standardisiertes Wissen, zertifizierte Qualität, Effizienzoptimierung und die Abhängigkeit vom ECTS-System schaffen Absolventenklone ohne jegliche individuellen Kompetenzen, wie sie ein wissenschaftliches Studium fördern sollte. Kritikfähigkeit, ein ständiges Hinterfragen, das mühsame Erarbeiten von komplexen Zusammenhängen und die Einsicht, dass nichts eine endgültige Lösung hat, kurz: das erweitern des eigenen Denkens und die Charakterbildung können an einem solchen System nur zugrunde gehen, schließt Professor Klöck.

Um dem entgegenzuwirken, wäre die individuelle Beschäftigung mit jedem Einzelnen nötig, um echtes Interesse an der Wissenschaft zu wecken und zu fördern. Dies kostet jedoch vor allem Zeit. Zeit, die ein allein effizienzoptimiertes Bachelor- und Mastersystem weder den Lehrenden noch den Studenten lässt. Dieses Dilemma sei die eigentliche Herausforderung an die Hochschulen, so der Professor für Bioverfahrenstechnik.

(KH)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *