Die WG: Von der Rebellion zum Sachzwang

Das Wohnen in einer WG im Sinne eines Zusammenlebens nicht verwandter Personen ist in Deutschland noch gar nicht mal so lange salonfähig, wie man vielleicht denken mag. Die ersten Vorläufer der Wohngemeinschaft entstanden in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts, als viele Jugendliche den einziehenden Muff konservativer Lebenseinstellungen, dem glücklichen Familienbild und dem Gelsenkirchener Barock der elterlichen Wohnung entfliehen wollten.

Die ersten Kommunen galten damals entsprechend der gängigen Werte und Moralvorstellungen wenigstens als exotisch, wenn nicht gar revolutionär. Freilich spielten auch politische Einstellungen damals noch eine große Rolle, und auch die körperliche Freizügigkeit nebst neuer Modelle der Partnerschaft war zentrales Element der Wohngemeinschaft, sodass das Wohnen in der WG noch längere Zeit kaum gesellschaftliche Akzeptanz fand. Ohne den Generalverdacht der Unzucht und Revoluzzertums war die neue Wohnform aber kaum ein Jahrzehnt später gesellschaftlicher Konsens.

Gemeinschaftliches Wohnen oft ein wirtschaftlicher Zwang

Heute ist das Wohnen in der WG oft nicht der Ausdruck von Rebellion und Überzeugung, sondern materieller Zwänge. Kleine Wohnungen sind besonders in Metropolen und Boomregionen beliebt und entsprechend teuer – oft zu teuer für das schmale Budget von Studenten und Azubis. Diesen bleibt oft also gar nichts anderes übrig, als sich ein günstiges Zimmer in einer WG zu mieten, auch wenn das oft nur wenige Quadratmeter Wohnfläche und das Teilen von Küche und Bad bedeutet.

Gerade die Küche stellt dabei oftmals eine Art Gemeinschaftsraum dar, in dem man sich außerhalb der eigenen vier Wände gern zum geselligen Kochen und Schlemmen trifft – sofern man dies möchte, schließlich ist es für die einen schön zu wissen, dass man nach der Ankunft zu Hause nicht alleine ist und noch Zeit findet, um sich austauschen und den Tag zusammen Revue passieren zu lassen, während andere wiederum nach einem langen Tag eher Zeit für sich brauchen und froh sind, das Ruhe in der Wohnung herrscht.

Nicht jeder fühlt sich in einer WG wohl

Entsprechend heißt es dann auch meistens, dass man für das Wohnen in der WG ein „WG-Typ“ sein muss. Viele können es sich einfach nicht vorstellen, mit zumindest am Anfang wildfremden Menschen die Wohnung zu teilen. Gerne wird dann mangelnde Privatsphäre und fehlende Ruhe zur Begründung herangezogen, dabei bedeutet eine Wohngemeinschaft nicht per se, dass man sich in der Wohnung ständig über den Weg läuft und sich eine Feier an die nächste reiht – denn genauso vielfältig wie die menschlichen Charaktere sind auch die WG-Arten und Formen. Von der Zweck-WG über Hausgemeinschaften bis zu Lebensgemeinschaften ist die Palette ähnlich breit wie der Nil – und selbst da kann nochmals unterteilt werden in Studenten-WG, Frauen-WG und und und…

Noch ein Tipp am Rande: Wer vorher noch nie in der WG gelebt hat und sich nicht ganz sicher ist, ob dies überhaupt – zumal mit wildfremden Menschen – in Frage kommt, der vereinbare einen etwas längeren Besichtigungs- und Beschnupperungstermin. Schließlich soll neben dem stressigen Unialltag nicht auch noch Ärger mit den Mitbewohnern dazu kommen. Für die kurzfristige Übernachtung zwischendurch sind Jugendherbergen oder kleine Pensionen zu empfehlen. In der Hauptstadt bietet sich so das Bed and Breakfast Berlin an.

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